Fünf Tage in Bernstein Stephan Waldscheidt

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Kindle Edition

16 pages


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Fünf Tage in Bernstein  by  Stephan Waldscheidt

Fünf Tage in Bernstein by Stephan Waldscheidt
| Kindle Edition | PDF, EPUB, FB2, DjVu, AUDIO, mp3, ZIP | 16 pages | ISBN: | 9.77 Mb

Ein junger Soldat verliebt sich während seines Kriegseinsatzes in Kabul in ein afghanisches Mädchen. (Kurzgeschichte, Umfang: 28.000 Anschläge oder 20 Normseiten)Auszug-------------------------Staub und Diesel: Kabul. Irgendwo im Auspuff unseres Siebentonners klaffte ein Loch. Ich hustete, und Thomas schlug mir auf den Rücken. Wenn er lachte, zog sich sein Staubtuch nach oben. Viel mehr als dieses graue Tuch sah ich unterm Helm nicht von seinem Gesicht. Von Camp Warehouse kommend, rollten wir durch Straßen, die keine Begrenzung hatten, keine Bürgersteige, keinen Übergang von Asphalt zu Gras.

Sand lag wie eine Decke über allem. Selbst die Häuser wuchsen aus dem allgegenwärtigen Sand und zerfielen, vor allem im Westen der Stadt, wieder zu Sand.Morgens stieg der Smog aus der Stadt wie die Träume der drei Millionen Menschen, die das erste Licht des Tages nicht überstehen. Farben fielen auf hier. Vielleicht war auch das ein Grund, warum die Frauen ihr Haar bedecken mussten. Viele verdeckten ihr Gesicht, das unter dem Schleier so üppig geschminkt war wie das einer Braut oder einer Hure – ein weiterer fließender Übergang.

Farben zu erhalten, fiel nicht leicht hier, doch die Monotonie täuschte. Unter der Staubdecke lebten unzählige Meinungen und Ideen. Jeder hier war sein eigenes Volk. Ich fühlte mich noch angepasster, noch uniformer als in Deutschland.

Obwohl man uns ein paar Wochen lang Dari, die wichtigste Sprache in der Stadt, beigebracht hatte, verstand ich niemanden. Keiner von uns verstand die Männer, die mit großen Gesten zu uns redeten, keiner die Kinder, deren riesige Augen mir Schuld und Furcht einflößten. Hilflos blieben wir höflich und freundlich zu allen. Die Frauen? Sie waren das Geheimnis im Geheimnis. Sie machten mir am meisten Angst.Letzte Nacht hatte ich geträumt, wie ich auf der Straße eine von ihnen ansprach, eine ohne Kopftuch und Schleier. Ich fasste sie an, sie wehrte sich, ich zerrte ihr die Kleider vom Leib, sie schrie.

Zwischen ihren Lippen rieselte Blut heraus, das Blut wurde Sand, der Sand wurde Pulver. Wie eine Zündschnur rann das Schießpulver aus ihr.Die abrupte Bremsung warf mich im Sitz nach vorn. Thomas lachte. Er sang einen Rap, den ich durch sein Tuch hindurch nicht verstand, und rief: „Shopping!“Ein kleiner Laden an der Straße. Vor der Tür das Übliche: erst ein Müllhaufen, dann Auslagen mit Tomaten, Orangen, Auberginen.

Drinnen hing ein gehäutetes Zicklein. Durch das staubverschmierte Fenster sah es schmutzig aus und halb verwest. Thomas sprang aus dem Führerhaus, über seiner Schulter das G36.„Die haben sogar Wassermelonen hier.“Die Leute vor dem Laden traten zur Seite. Einige sahen neugierig her, einer fragte, ob wir ihn fotografieren wollten. Die Menschen hier waren verrückt danach, geknipst zu werden. Andere sahen gar nicht her. Für sie gehörten wir zum Straßenbild wie dreibeinige Hunde: Man duldete uns, aber keiner glaubte, unser heiseres Gebell werde Feinde abschrecken.Obwohl es gegen die Vorschriften verstieß, stieg auch ich aus.

Ich brauchte Luft. Die Abgase und der Gestank nach Metall, Öl, verbranntem Gummi und in der Hitze des Sommers verschimmelter Milch hingen schon in meinen Haaren und Kleidern. Da half weder ein offenes Fenster noch die feine Schicht aus Staub.Ich blieb neben dem Siebentonner stehen, atmete den Kabuler Smog ein und sah Thomas dabei zu, wie er in dem engen Laden gestikulierte. Das Zicklein hing hinter ihm, ein Anblick, der mir nicht gefiel. Es sah aus, als wollte das tote Tier ihn anspringen.



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